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Die Galerie im Setzkasten

des Sammlers Arno Stolz

Erstmals wurde ›Die Galerie im Setzkasten‹ des Sammlers Arno Stolz ausgestellt. Nie zuvor hatten die Setzkästen und Teile der Sammlung den Apfelbaumweg in Dortmund verlassen. Nur ein Freundeskreis hatte die 285 Originalbeiträge von Gestaltern, Illustratoren, Fotografen, Zeichnern und Typografen aus aller Welt je gesehen.


Gezeigt wurden die beiden grossen Setzkästen 1 und 2, der Bruchziffernkasten und der Ziffernkasten. Zahlreiche Sammlungsstücke aus dem Stolz-Archiv – Briefe, Neujahrskarten, Objekte, Bücher, Plakate, Zeichnungen, Fotos – geben Einblick in die bald 40-jährige Leidenschaft und Liebe eines Sammlers.

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»Am Rande von Dortmund liegt in einer kleinen Wohnsiedlung der Apfelbaumweg. Dort lebt Arno Stolz mit seiner Frau Edith in einem Reihenhaus aus den 1920er Jahren. Es ist ein unscheinbares, kleines, gut erhaltenes Haus. Man neigt dazu, an der Nummer ›50‹ vorbeizugehen, da sich die Häuser im Apfelbaumweg ähneln. Sie stammen aus der Zeit des aktiven Bergbaus in Dortmund. Die Bewohner des Apfelbaumwegs kennen und schätzen sich, man hat das Gefühl, die Anonymität der Großstadt hinter sich gelassen zu haben.

Im Mai 2013 lernte ich Arno und Edith kennen. Gemeinsam mit Victor Malsy, Professor für Typografie und Buchgestaltung an der Fachhochschule Düsseldorf und Freund von Arno, fuhr ich nach Dortmund. Auf der Fahrt erzählte er mir viel über Arno und seine Liebe zum Sammeln und Ordnen. Ich war gespannt und voller Vorfreude, diesen Menschen mit seiner besonderen Leidenschaft für das Sammeln kennenzulernen.

Es verwundert nicht, dass Arno einen Sinn für gute Gestaltung, Typografie und konkrete Kunst hat, wenn man weiß, dass er gelernter Schriftsetzer ist und Betriebsleiter einer Dortmunder Druckerei war. Das Haus von Arno und Edith ist persönlich eingerichtet – schlichte Möbel, die Farben Grau und Weiß dominieren, man fühlt sich wohl. An den Wänden hängen Bilder von Calder, Niemeyer, Sandberg und Schmidt-Rhen. Ein ganz besonderes Werk befindet sich jedoch im Setzkastenzimmer. Es ist Arnos Lebenswerk und sein ganzer Stolz: Anfang der 70er Jahre verschwanden immer mehr Setzregale aus den Druckereien. Der Bleisatz, der zu Zeiten von Johannes Gutenberg eine Revolution für den Buchdruck bedeutete, wurde durch den neu aufgekommenen Fotosatz abgelöst. Die soliden, aus Holz gearbeiteten Setzkästen verschwanden entweder auf dem Sperrmüll oder Nostalgiker verkauften sie auf Flohmärkten. Danach dienten sie meist als Aufbewahrungsort für Erinnerungen und Kleinkram.

1979 schenkte Tristan, der Sohn von Arno und Edith, seinen Eltern ein kleines Bild mit den Initialen ihrer Namen im Format eines Setzkastenfaches. Für Arno war mit dieser Arbeit spontan der Gedanke verbunden, charakteristische Originalbeiträge national und international bekannter Gestalter in einem ›Brotschrift-Setzkasten‹ zu sammeln.

1980 schrieb Arno erste Briefe an namenhafte Gestalter wie Max Caflisch, Willem Sandberg, Anton Stankowski und Hermann Zapf. Die ersten Gestalter haben sich binnen weniger Wochen auf das Experiment eingelassen. Nach und nach entstand so eine Galerie der grafischen Künste – ›Die Galerie im Setzkasten‹.

Heute umfasst die Sammlung zwei Setzkästen, sowie einen kleineren Bruchziffern- und einen Ziffernkasten. Die umfangreiche Korrespondenz, die Arno über fast drei Jahrzehnte mit Gestaltern führte und auch heute zum Teil noch führt, ergab eine Sammlung von Briefen und Neujahrskarten zeitgenössischer Gestalter, deren Wert Arno ebenso hoch einschätzt.

Bei unserem ersten Treffen präsentierte mir Arno seine Setzkästen. Sie werden durch eine Acrylglas-Abdeckung und einen Vorhang vor Licht und Staub geschützt. Besonders schön ist dann der Moment, wenn Arno die Vorhänge abnimmt und die Setzkästen zum Vorschein kommen. In einem Beitrag im ›Oetz‹, Zeitschrift im Fachbereich Design der Fachhochschule Düsseldorf von 1986, hat Helmut Schmidt-Rhen ›Die Galerie im Setzkasten‹ einmal treffend beschrieben: »Aus vielen Mosaiksteinchen ist ein dichtes Bild entstanden, das wie ein Kaleidoskop die Arbeiten der typografischen Prominenz zusammenfasst. Die Setzkästen sind durchaus einem kleinen Museum vergleichbar – wobei allerdings nicht das Museum für die Arbeiten geschaffen, sondern genau umgekehrt verfahren wurde.«

Arno ist jetzt 79 Jahre alt, er ist jung geblieben und voller Lebensfreude. Er hat Spaß an dem was er tut und das merkt man, wenn er aus seinem Leben erzählt oder grafische Kostbarkeiten aus seinem Archiv hervorholt, die er von Gestaltern geschenkt bekam.

Ein großer Teil dieser Kostbarkeiten befindet sich in seinem Bücherregal, das alphabetisch geordnet ist. Es enthält einige signierte, meist antiquarische Kunst- und Designbücher. Arnos Fach-Bibliothek ist gut bestückt und man staunt, welche Schätze sich hinter den etwa 1000 Buchrücken verbergen. Ein weiterer Teil seines Archivs befindet sich im Atelier im Dachgeschoss. Über eine steile Holztreppe gelangt man durch eine Luke in das Atelier. Ich war überrascht, wie schnell Arno die Treppe mit seinen 79 Jahren hinaufstieg. Von oben rief er mir zu, dass ich auch herauf kommen soll, aber dabei vorsichtig sein müsse. Neben einer Schlafgelegenheit für Gäste und einem Schreibtisch befinden sich in dem Dachgeschoss Planschränke und Schubladenfächer. Hier bewahrt Arno einen großen Teil seiner Plakatsammlung auf. Darunter befinden sich unter anderem Plakate von Christian Chruxin, AG Fronzoni, Fons Hickmann, Willem Sandberg und Wolfgang Weingart. Auch die Briefkorrespondenz zu den Setzkastenbeiträgen – es sind acht Ordner – samt Briefumschlägen und Neujahrskarten wird hier aufbewahrt.

Arno weiß genau, wo er was findet und wenn er etwas aus seiner Sammlung hervorholt, wird es anschließend wieder sorgfältig einsortiert. Er hat Ordnung, es ist eine bemerkenswerte Ordnung, die bis ins kleinste Detail seiner Sammlung sichtbar ist. Für Arno ist die Sammlung abgeschlossen. Er betont, dass sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, da sie rein subjektiv geprägt ist.«

David Fischbach, 2014

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